Veröffentlicht in Allgemein, Kinder

Die Trotzphase

Ich habe früher Kinder im Supermarkt erlebt, die sich schreiend auf den Boden geworfen haben. Voller Mitleid schaute ich mir die Eltern an. Ich war mir sicher, wenn ich mal eigene Kinder hätte, bei mir wäre das nicht so. Es kam ganz anders.

Ich glaubte, dass da irgendetwas mit den Kindern nicht in Ordnung sein müsste. Oder mit den Eltern.  Nein, ist nicht so.

Den meisten Eltern war diese Situation einfach nur wahnsinnig peinlich. Mit hochroten Kopf versuchten sie diese Situation irgendwie zu retten. Und dem Kind doch noch den Lutscher zu kaufen, den es unbedingt haben wollte.

Andere ließen ihre Kinder erstmal im Gang schreien. Taten so, als ob gar nichts geschehen ist. Einige bezahlten in aller Seelen Ruhe und verließen sogar den Laden. Ich fand das unglaublich herzlos.

Heute weiß ich, dass das genau der richtige Weg war.

Heute weiß ich das.

Heute beneide ich diese Eltern für ihre Ruhe und ihre Kraft das genauso durchzuziehen.

Ich weiß, dass ich diese Kraft nicht gehabt hätte.

 

Die Trotzphase unserer Tochter fing an, als sie ungefähr drei Jahre alt war. Damals ahnte ich noch nicht, was da auf uns zukam. Man konnte ihr nichts recht machen. Plötzlich und aus heiterem Himmel machte sie ein riesen Ding aus einer Kleinigkeit. Sie steigerte sich in alles so wahnsinnig hinein. Sie machte sprichwörtlich aus einer kleinen Maus einen riesen Elefanten. Dieser kleine Terror-Zwerg konnte so laut schreien und dickste Tränen heulen, das war unglaublich.

Ich könnte bestimmt 300 Gründe aufschreiben, die beim Terror-Zwerg das Fass zum überlaufen brachten. Hier einige der fatalsten Fehler, die wir beim Schmieren eines Butterbrotes machen konnten:

 

·       Wir hatten das Brot falsch geschmiert

·       Wir hatten das falsche Brot genommen

·       Mit dem falschen Messer geschmiert

·       Auf dem falschen Teller oder Brettchen serviert

·       Mit zu viel oder zu wenig Margarine

·       An der falschen Ecke eingeschnitten

·       Zu große Stücke geschnitten

·       Zu kleine Stücke geschnitten

·       Ich habe falsch dabei geguckt

·       Der Papa hat falsch geguckt

……die schlimmsten Fehler die wir beim Schneiden eines Apfels machen konnten

·       Die Stücke wurden zu groß geschnitten

·       Die Stücke wurden zu klein geschnitten

·       Die Stücke wurden zu kantig geschnitten

·       Die Stücke wurden zu rund geschnitten

·       Der Apfel ist rot und nicht grün gewesen

·       Es war noch ein Fitzelchen Schale am Apfel dran

·       Der Apfel hatte innen Kerne drin

 

Das schlimmste Erlebnis hatte ich im Kindergarten meiner Tochter: Ich holte sie wie immer ab. Sie war müde vom vielen Spielen und Toben. Wir gingen an ihre Garderobe, zogen ihre Hausschuhe aus, und ich zog ihr die Jacke über. Als ich ihre kleinen Finger durch die engen Ärmel ihres Anoraks zog, fragte sie:

„Wo ist meine Nuss?“

Ich: „Was für eine Nuss?“

Nach kurzem Suchen fanden wir eine Nuss im Ärmel. Ich war heilfroh.

„Mama, die zweite Nuss fehlt. Die hat Andreas mir geschenkt“

Das Heuldrama nahm seinen Lauf. Wir suchten nach dieser verdammten Nuss. Die Erzieherinnen wurden auch schon auf uns aufmerksam. Zum Schluss lagen zwei Erzieherinnen und ich auf dem Boden und suchten nach dieser Nuss. Sie war nicht auffindbar. Eine Erzieherin machte einen Vorschlag ihr eine andere Nuss zu holen. Nein, nichts möglich. Meine Tochter weinte und schrie seeeeehr laut. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meine Tochter auf den Arm zu nehmen und sie schreiend, heulend, trampelnd, und hauend aus dem Kindergarten zu tragen. Wenn wir bis dahin noch nicht die volle Aufmerksamkeit der anderen Mütter hatten, ab da war sie uns gewiss. Der Terror ging im Auto und zu Hause weiter, bis sie erschöpft einschlief. Als sie dann nach drei Stunden Mittagschlaf aufwachte, hatte ich meinen zauberhaften Engel wieder, als wäre gar nichts gewesen. 

Ich war komplett mit diesen Situationen überfordert. Ich wusste nicht ob ich lachen oder weinen sollte. Am Anfang habe ich in meiner Hilflosigkeit erstmal geweint. Nach und nach wird man gelassener und hält diese Wutausbrüche denn nur einfach noch aus. Aber das ist ein sehr langer Weg dahin. Ich habe viel im Internet darüber gelesen. Gut zu wissen, dass ich nicht allein war. Und gut zu wissen, dass ganz banale Dinge einen riesen Trotzanfall auslösen können. Danke, an alle anderen Eltern für die Offenheit.

Nun ja, es soll ja sogar gut sein, dass die Kinder eine Trotzphase durchmachen. Es soll ihr Selbstbewusstsein und ihre Durchsetzungskraft stärken.

Ich begann diese Trotzanfälle in einem ganz anderen Licht zu sehen. Für meine Tochter war diese verloren Nuss genau jetzt der absolute Weltuntergang. Sie war in diesem Alter einfach komplett mit sich selber überfordert und dann fehlt halt nur noch der eine Tropfen der das Fass zum Überlaufen bringt. Dieser kleine Zwerg konnte nur so seine ganzen Gefühle rauslassen.

Wir sind dann auch ganz anders mit diesen Anfällen umgegangen. Wir haben nicht mehr gefragt: „Was ist denn jetzt dein Problem?“

Mal haben wir haben sie komplett ignoriert und schreien lassen. Vielen Dank, dass das nie im Supermarkt passiert ist.

Wir haben sie einfach nur in den Arm genommen und ihr gesagt, dass wir sie verstehen. Was gar nicht so einfach war, wenn der Auslöser Nachbars Hund war, der sie blöd angeguckt hatte.

Dann haben wir versucht sie mit banalen Dingen abzulenken, bevor der Trotzanfall richtig begann. „Ist da gerade ein Pferd am Fenster vorbeigeritten? Komm wir gehen mal raus und schauen nach.“

Wir haben aufgehört unsere Tochter voll zu texten. Okay, sie hatte mal wieder einen Anfall, aber wir reden da nicht mehr drüber, das hat sie nur noch mehr gequält.

Und wenn unsere Tochter abends im Bett war, haben mein Mann und ich herzhaft über ihre Ausraster gelacht. Das war unsere Art damit umzugehen.

Hätte ich vorher mehr über den Umgang mit der Trotzphase gewusst, wäre uns so einiges erspart geblieben. Ich hätte einige Male ganz anders reagieren können. Das wäre für beide Seiten entspannter gewesen.

Inzwischen haben wir die Trotzphase, bis auf ein paar kleinere Rückfälle, hinter uns gebracht. Es wäre ja auch viel zu langweilig, wenn immer alles glatt laufen würde.

 

 

Autor:

Ich lebe mit meinem Mann und den beiden Kindern (5 und 2 Jahre) auf dem platten Land, kurz vor dem Moor (echt jetzt) in Niedersachsen. Zu unserer Familie gehören noch unser Hund Charlie und unsere Ersatz-Großeltern.

14 Kommentare zu „Die Trotzphase

  1. Ein sehr wahrer Text. Mir tun die Eltern auch immer Leid, denen das im Supermarkt, oder in der Bahn passiert. Wenn man mit Kindern zusammenarbeitet, das tue ich, dann weiß man, dass sowas ganz normal ist. Aber wie empört und vorwurfsvoll die Blicke anderer immer sind, das ist auch schrecklich. Oder wenn ein Baby die ganze Zeit schreit, dann gucken die Leute auch immer so, als wären die Eltern schuld und hätten ihr Kind nicht im Griff. Kinder sind laut, Kinder schreien, sie kommunizieren so, sie lassen alles raus… so sind Kinder. Sie sind toll und Eltern haben meinen Respekt wie sie das alles meistern. Nicht alle, gewiss, aber die meisten machen das großartig.

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  2. du hast den nagel auf den kopf getroffen 😉 ich habe mehrmals schmunzeln und lachen müssen 😀 genau in dieser phase ist meine tochter jetzt. mein großer (bereits 11) in der pubertät hat aber nun genau das gleiche problem noch einmal. ich kann dich also „beruhigen“ wenn ich dir sage, dass sich alles in ein paar jahren wiederholen wird. auf andere art und weise 😀 ich danke dir sehr für diesen erheiternden text 🙂

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  3. Sehr schön geschrieben, habe uns 1:1 wiedererkannt.
    😂
    Meine gedankliche Hilfe und quasi des Rätsels Lösung während der heftigen Wut-Zeit war damit aufzuhören,.von meine Kind ein erwachsenes Verhalten zu erwarten. Ich begab mich auf Augenhöhe und ich erkannte auch mich selbst im diesem Alter. Wir Eltern müssen lernen, unsere eigene Kindheit und damit verbundene Gefühle hervorzuholen. Dann würden wir unsere Kinder niemals missverstehen.
    Liebe Grüße
    Karin

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  4. Auch mein Sohn trotzt was das Zeug hält, er ist 7 und es begann im Alter von 3 Jahren. Auch wegen ganz banalen Dingen. Ich bin auch eine Mutter die ihr Kind dann im Supermarkt ignoriert. Ein Nein muss reichen, da kann er sich auf den Boden werfen wie er will. Er muss manchmal nur komisch angeguckt werden da ist er der Meinung bocken zu müssen. Auch die Apfel und Butterbrot Orgien haben wir hinter uns. Ich kam mir manchmal auch sehr hilflos vor aber kapierte dann irgendwann das es nichts bringt sich da mit rein zu steigern. Wenn ich jetzt sage…Räume dein Zimmer auf…Wird eine Stunde gebockt und 5 min aufgeräumt. Aus trotzt kommen dann auch antworten auf Verbote oder Konsequenzen die er tragen muss…Ist mir doch egal…
    Ich weiß das es ihm nicht egal ist aber es wird durchgezogen. Ich sage mir immer es sind nur Phasen. Auch ich muss manchmal schmunzeln nach dem die Verzweiflung weicht.

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    1. Hi Pam. Ja es ist nicht leicht. Bei uns hat auch nur Verständnis und Ruhe geholfen, aber da muss man erstmal ankommen. Bei uns brauchte es zig Wutanfälle, bis wir wussten wie wir reagieren sollen. Immer dran denken, wir sind nicht allein. Danke für deinen lieben Beitrag

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  5. Wir müssten sogar die Schule wechseln weil wir das Gefühl hatten das er da nicht willkommen ist. Er ist ein herzensguter Junge. Er war mit seinen Aufgaben immer zu zeitig fertig. Störte dann die Klasse und sofern es Konter von der Lehrerin gab, bockte er natürlich. Es ist nicht leicht auch als Außenstehender damit umzugehen. Nun ist er gut aufgehoben. Man versucht halt alles zu ermöglichen damit die Kids ihr Umfeld annehmen und angenommen werden. Aufklärung ist hier das A und O.

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