Veröffentlicht in Allgemein, Kinder

Der Moro-Reflex

Unsere Tochter entwickelte mit knapp einem Jahr eine heftige Fremdelphase. Nun ja wir dachten, dass das normal ist und wieder vorbeigeht. Aber es ging nicht vorbei.

Es wurde eigentlich immer schlimmer. Von Jahr zu Jahr wurde es immer schlimmer. Selbst wenn die Großeltern oder andere ihr vertraute Personen kamen, dann versteckte sie sich mindestens eine halbe Stunde auf meinem Arm und vergrub ihren Kopf in meiner Schulter. Sie krampfte sich komplett an mir fest, wenn ich versuchte sie irgendwie umzudrehen. Immer wieder das gleiche Spiel, bei jedem Besuch.

Mit Fremden sprach sie überhaupt nicht.

Da hieß es dann: „Ach, die braucht ja auch nicht mit mir sprechen, sie kennt mich ja nicht“.

Und: “Ist ja auch nicht schlimm, dann geht sie wenigstens nicht mit Fremden mit“.

Oh, Mann was für hilfreiche und geistreiche Kommentare. Wenn ihr eh keine Antwort erwartet habt, dann sprecht doch mein Kind gar nicht erst an. Und glaubt ihr wirklich, dass Kinder die offener sind, gleich mit Fremden mitgehen? Unglaublich!

Auch bekam sie oft Wutausbrüche. Aber das konnte auch mit der Trotzphase zusammenhängen.

Sie fiel oft hin. Die Knie waren ständig blau. Auch fiel sie dabei oft aufs Kinn, ein Wunder, dass die Zähne heil geblieben sind.

Jede Veränderung im Tagesablauf unserer Tochter konnte sie aus dem Gleichgewicht bringen. Im Kindergarten fiel das nicht so sehr auf, aber immer mal wieder.

 

Bei einem Entwicklungsgespräch mit ihren Erzieherinnen fiel dann das Wort, das so vieles erklärte: Moro-Reflex. Die Erzieherin empfahl mir eine Therapeutin, die sich, wenn es sich um eine Restreaktion des Moro-Reflexes handelt, gut auskannte.

Ich hatte noch nie von einem Moro-Reflex gehört. Noch nicht abgebauter Moro-Reflex, was heißt das?

Zu Hause schaute ich mir den Flyer dieser Therapeutin an. Ich erschrak: sie ist eine Diplom-Behinderten-Pädagogin? Da sollte ich mit meiner Tochter hin? Sie ist doch nicht behindert!

Ich googelte den Moro-Reflex, bzw. die Restreaktion und deren Auswirkungen.

Ich fasse ungefähr hundert Seiten Internet mal kurz zusammen:

Der Moro-Reflex ist ein überlebenswichtiger Reflex für Säuglinge, der sich im 3.-4. Lebensmonat verliert.  An dieses Zusammenzucken bei ihrem kleinen Bruder konnte ich mich noch gut erinnern. Kinder mit Restreaktionen fallen öfters aufs Knie oder schlagen mit dem Kinn auf. Die Kinder brauchen einen geregelten Tagesablauf, alles Neue oder Unbekannte zerstört das erforderliche Maß an Sicherheit. Sie neigen zu Überreaktionen, wie der Rückzug bei scheinbar nichtigen Anlässen.

Ein Satz, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist:

 

Die Kinder entwickeln Strategien, um sich zu schützen.

 

Plötzlich verstand ich meine Tochter. Jetzt wurde mir so vieles klar. Ich rief bei der Therapeutin an und machte einen Termin aus. Glücklicherweise war die Wartezeit nicht allzu lang. Ich war froh, dass ich einen Termin bekommen hatte, denn ich wusste, es gab nicht viele die sich damit auskannten.

 

Sehr nervös fuhren wir zur Therapeutin. Die war total nett und sympathisch. Ich sagte kaum etwas. Unsere Tochter sagte wie immer nichts. Sie sollte einfach nur spielen und die Therapeutin schaute ihr dabei zu. Nach einer knappen Stunde spielen, fuhren wir wieder nach Hause. Wir vereinbarten am nächsten Tag zu telefonieren.

Wir telefonierten am nächsten Morgen eine dreiviertel Stunde. Name und Alter unserer Tochter war ihr als einziges bekannt. Aber in dieser „Spielstunde“ hatte sie sie genau beobachtet und „erklärte“ mir unsere Tochter. Die Therapeutin hielt es auch für eine Restreaktion vom Moro-Reflex. Die Einschätzung des Charakters, die Verhaltensweisen und das Rückzugsverhalten, das war ganz genau unsere Tochter.

Becken und Halswirbelsäule waren noch nicht richtig ausgerichtet. All das kann zu Problemen führen, die man so gar nicht vermuten mag.

Sie erklärte mir aber auch, dass unsere Tochter einfach nicht anders konnte. Dass der Dickkopf immer versuchen müsste, alles zu regeln, damit bloß nichts Unvorhergesehenes passiert.

Mir liefen die Tränen die ganze Zeit übers Gesicht. Teilweise vor Erleichterung und vor Wut auf mich.

Erleichterung einerseits, weil ich endlich einen Namen für dieses Verhalten bekam. Die Therapeutin versicherte mir, dass es aber keine besorgniserregende Form sei und wir das hundertprozentig in den Griff bekommen würden.

   Wut auf mich, weil ich jetzt wusste, dass sie sich nicht einfach nur dumm verhielt, sondern sie nicht anders konnte und ich sie immer so unter Druck gesetzt hatte. Ich fühlte mich schlecht und gleichzeitig erleichtert.

 

Die Behandlung war glücklicherweise eine sehr einfache. Wir bekamen Turnübungen mit, die nicht länger als fünf Minuten Zeit kosteten. Die turnten wir jeden Abend. Erst war ich skeptisch, aber im Laufe der Zeit bemerkte ich Veränderungen bei ihr. Auch sie selber bemerkte die. Natürlich ging das nicht von jetzt auf gleich. Wir turnten mit Unterbrechungen so ungefähr ein Jahr, die Therapeutin sahen wir alle sechs bis acht Wochen. Bei jedem Fortschritt wurden die Übungen verändert oder ausgetauscht. Bei unserem letzten Besuch dort, sah ich die Fortschritte am deutlichsten. Ich war so mega stolz auf diesen kleinen Dickkopf.

Natürlich habe ich dadurch nicht eine komplett neue Tochter bekommen. Dass sie immer ein schüchterner zurückhaltender Mensch bleiben wird, das ist wohl klar. Aber sie geht jetzt deutlich offener und entspannter durch die Welt. Sie kann mit Besuch gut umgehen. Sie spricht auch mal mit Menschen, die sie nicht so gut kennt. Wir sind auf einen sehr guten Weg!

 

Bedanken möchte ich mich bei der Erzieherin unserer Tochter, die erst alles ins Rollen gebracht hat. Danke schön.

Und da mir jetzt schon wieder die Tränen sturzflutartig laufen, merke ich wie sehr mich das immer noch bewegt.

 

Bedanken möchte ich mich bei der Therapeutin, die einen wirklich sehr guten Job gemacht hat. Merci.

 

Und zu guter Letzt, möchte ich mich bei unserer Tochter bedanken. Für die gute Mitarbeit, auch wenn es manchmal schwerfiel. Und Danke, dass du so ein großartiger Mensch bist. Ich liebe Dich

 

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Autor:

Ich lebe mit meinem Mann und den beiden Kindern (5 und 2 Jahre) auf dem platten Land, kurz vor dem Moor (echt jetzt) in Niedersachsen. Zu unserer Familie gehören noch unser Hund Charlie und unsere Ersatz-Großeltern.

7 Kommentare zu „Der Moro-Reflex

  1. Oh wow!
    Ich wusste nicht, dass sich das quasi ins höhere Alter mitziehen kann.
    In unserem Frühchen dasein, kennen wir diesen Moro Reflex mehr als gut, aber das es auch so aussehen kann, wusste ich bis dato nicht.
    Aber gut zu wissen, dass das Problem erkannt wurde und sie bzw ihr auf dem Weg der Besserung seid!🙂

    Liebe Grüße

    Yvi

    Gefällt 1 Person

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